ARYS Tokyo Talks: Johnny Terror

 

ARYS Tokyo Talks ist eine monatliche Reihe, die ein Licht auf unser Tokyo-Netzwerk von Kreativen, Künstlern, Freunden und Familie wirft. Neben unserem Gründungsort Berlin nennen wir seit den Anfängen unserer Marke Tokio mit Stolz unsere zweite Heimat. Dort findet man ARYS in interessanten Geschäften in und außerhalb des Tokioter Beton-Dschungels. Mit dieser Serie möchten wir die Menschen repräsentieren, die uns helfen, uns inspirieren und ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Vermächtnis schaffen.

 

Wir beginnen diese Serie mit dem in Deutschland geborenen, in Berlin aufgewachsenen und in Tokio lebenden Künstler und Illustrator Johnny Terror. Johnny hat sich seinen Traum verwirklicht und ist 2019 nach Tokio gezogen, um an seiner Karriere zu arbeiten, Inspiration zu finden und sich seinen Weg durch enge Gassen und vorbei an blinkenden Straßenlaternen zu bahnen.  Wir trafen den Künstler Anfang November, um über seine Kunst, sein Leben und alles, was Tokio ausmacht, zu sprechen. Willkommen bei ARYS Tokyo Talks, willkommen Johnny Terror:

Hey Johnny, kannst du dich bitte ARYS und unserem Netzwerk vorstellen?

Ich bin ein Gestalter, der den Namen Johnny Terror trägt. Der Name ist das Produkt eines massiven Konsums von Sci-Fi-Filmen, Comics und Literatur der 80er Jahre. Ich lebe derzeit in Tokio. Der Kontrast zwischen schwarzer Tinte und weißem Papier und der gezeichneten Linie selbst fasziniert mich zutiefst. Und ich habe grau-grüne Augen.

 

Für die, die dich noch nicht kennen, wie würdest du denen deine Kunst beschreiben? Bist du Illustrator, Designer oder einfach nur ein Künstler?

Ich habe Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste in Berlin studiert. Während dieser Zeit war ich während aller Semester in der Illustrationsklasse. Akademisch und kommerziell gesehen bin ich Illustrator. Aber ich persönlich stecke mich in keine Kategorie. Ich erschaffe gerne Dinge. Wenn diese Dinge Zeichnungen auf großen Leinwandstücken sind, dann bin ich in diesem Moment ein Künstler, wenn ich Illustrationen für einen kommerziellen Kunden herstelle, dann bin ich Illustrator und wenn ich Kleidung oder Skulpturen oder andere Objekte entwerfen möchte, dann bin ich Designer. Ich mag die Flexibilität und Freiheit.

Was hat Dich dazu bewogen, nach Tokio zu ziehen, und was bedeutet die Stadt für deine Arbeit?

Ich habe vorher in Berlin gelebt und mich durch den Rhythmus der Stadt und ihrer Menschen gelangweilt. Alle verurteilen dich und setzen ein falsches Lächeln auf, während sie auf der Toilette deiner Galerieeröffnung Kokain schnupfen. Ich hatte das Gefühl, in einem kitschigen Musikvideo aus den 90er Jahren festzustecken. Tokio ist anders. Die Menschen respektieren Künstler auf eine andere Art und Weise. Europäer neigen dazu, Künstler herabzusetzen und dumme Fragen zu stellen. Japan hat eine sehr starke visuelle Kultur, die hauptsächlich auf Manga basiert. Menschen, die zeichnen, werden als das gesehen, was sie sind: Menschen, die Energie in ihre Leidenschaft stecken! Und seien wir ehrlich, das Essen ist hier auch besser.

 

Du hast bereits einige erstaunliche Projekte gemacht, kannst du uns bitte einige deiner bisherigen Lieblingsprojekte vorstellen?

 Das erste echte kommerzielle Projekt, an dem ich teilgenommen habe, war auch eines der schönsten. Anfang 2016 habe ich einen Flyer für Acronym gemacht, welche bis heute eine der Marken ist, die ich am meisten achte. Danach habe ich noch einige Aufträge für Nike und Asics gemacht. Ich hatte noch viel mehr Kunden, die nichts mit der Modebranche zu tun hatten, aber meiner Erfahrung nach arbeite ich am liebsten mit Menschen oder Marken zusammen, die physische Produkte oder Kampagnen herstellen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft in Tokio? Wohin steuert Johnny Terror?

 Ich werde diese Stadt auf jeden Fall weiterhin visuell und künstlerisch erkunden. Meine persönliche Liste der Dinge für 2021 umfasst ein Wandbild, Posterdrucke, ein kleines Buch und nicht zuletzt möchte ich, dass diese Stadt mit meinen Aufklebern bedeckt wird. Ich möchte etwas Berliner Frechheit nach Tokio bringen.

 

Was bedeuten Mode und Funktionalität für dich? Was erwartest du von Bekleidung und deren Designs?

 Ich sehe Mode als eine Erweiterung meiner Identität als Künstler. Die Bereiche, für die ich mich am meisten interessiere, sind Vintage-Militär- und Berufsbekleidung. Beide haben ein gewisses Maß an Funktionalität und Haltbarkeit und sind gleichzeitig zu niedrigeren Kosten und ohne Branding erhältlich. Ich bin ein ehrlicher Narzisst. Ich möchte meinen Namen überall und auf alles setzen. Aber ich kann es wirklich nicht ertragen, Dinge mit offen sichtbarer Markenkennzeichnung zu tragen. Wenn Sie für Ihre Marke werben wollen, machen Sie ein Plakat. Wenn du deine Marke bewerben möchtest, dann mach ein Poster. Benutze nicht die Kleidung die ich trage als Werbebanner.

In meinen Augen muss ein Outfit minimalistisch, aber gleichzeitig futuristisch/interessant sein. Das gilt auch für die Wahl der Farben. Ein Vintage-Stück, wie eine Motorradjacke der schwedischen Armee aus dem Jahr 1961, wird aufgrund seines Alters automatisch eine Seele haben und durch seine krasse Haltbarkeit auffallen. Sie kann quasi als visueller Reiz aus der Vergangenheit fungieren. Ein moderneres Stück kann mit brutalem Minimalismus hervorstechen (versteckte Knöpfe, versteckter Reißverschluss, kein Branding, synthetisches Gewebe usw.) und somit als eine futuristischere Vision fungieren. Alles in allem gefällt es mir, wenn die Mode mir ein Gefühl von Science-Fiction vermitteln kann.

Wenn unsere Leser einen Johnny-Terror-Tag in Tokio erleben wollen, wohin sollten sie gehen, welche Orte müssen sie besuchen?

 Zunächst einmal müssen sie sich ein Fahrrad besorgen. Mit Autofahren oder Bahnfahren hat man noch nie etwas erreicht oder erlebt. Der Tag würde in meinem Heimatbezirk Sangenjaya beginnen. Dann hinunter nach Nakameguro, um im Breakfast Club ein kaltes Ginger Ale zu trinken, ein bisschen zu zeichnen und dann wieder aufs Fahrrad zu steigen. Dann bergauf nach Daikanyama zur Tsutaya-Buchhandlung. Dort schaue ich mir Grafikdesign-Bücher an und machen hinterlistige Fotos von Dingen, die mir gefallen (damit ich das Buch nicht kaufen muss, sie sind alle überteuert). Dann zurück nach Nakameguro für einige Udon-Nudeln oder direkt nach Sangenjaya für Ramen. Danach geht’s direkt wieder nach Hause an meinen Schreibtisch. Ich nehme Platz, mach ein Hörbuch oder eine Geschichtsdokumentation an und zeichnen bis 02:30 Uhr. Sleep and repeat.

 

Irgendwelche letzten Worte?

Konzentrieren dich nicht zu sehr auf dich selbst, während du dich trotzdem nur auf sich selbst konzentrierst. Behalten deinen Humor. Tu nicht so, als wärst du cool, indem du nicht lächelst. Fahre mit dem Fahrrad. Zeichne viel. Denken immer daran, dass alles nur eine Simulation ist. Genieß das Leben. Wähle nicht konservativ.

 

Vielen Dank für deine Zeit.