ARYS Tokyo Talks: Gordon Higgins – Ein Architekt in Tokio

 

ARYS Tokyo Talks ist eine monatliche Reihe, die ein Licht auf unser Tokio-Netzwerk von Kreativen, Künstlern, Freunden und Familie wirft. Neben unserem Gründungsort Berlin nennen wir seit den Anfängen unserer Marke Tokio mit Stolz unsere zweite Heimat. Dort findet man ARYS in interessanten Geschäften in und außerhalb des Tokioter Beton-Dschungels. Mit dieser Serie möchten wir die Menschen repräsentieren, die uns helfen, uns inspirieren und ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Vermächtnis schaffen.

Für unser nächstes Interview trafen wir uns mit dem in Jamaika geborenen und in Tokio lebenden Architekten Gordon Higgins, der uns mehr über seine Inspirationen, seine Arbeit, die Motivation hinter seinem Umzug und das Leben in Neo-Tokio erzählt. Mit mehr als 10 Jahren Tokio-Erfahrung kennt und spürt er die Stadt mit einem einzigartigen Blick und Mindset. Lasst uns mehr herausfinden:

Lieber Gordon, kannst Du Dich bitte unserem Netzwerk vorstellen, und uns mehr über dich erzählen?

Ich bin Gordon, hallo! Ein in Jamaika geborener Architekt, der jetzt in Japan praktiziert. Ich arbeite hauptsächlich in der Wohnarchitektur. Bisher war ich Teil von Projekten in Japan und auf der ganzen Welt.

 

Was hat Dich ursprünglich zur Architektur gebracht?

Schon als ich jung war, habe ich den Raum anders empfunden. Ich konnte das Gewicht des Raumes, die Emotionen des Raumes verspüren. Meine Eltern sagen, dass ich als Kind, wenn ich in einem interessanten Raum war, einfach weggewandert bin und mich dabei umschaute, wie in einem Tagtraum. Ich glaube, ich bin einfach dafür geschaffen, mit dem Raum zu arbeiten.

 

Und was hat Dich überhaupt dazu bewegt nach Tokio zu ziehen, was bedeutet Dir die Stadt in Bezug auf Deine Arbeit?

Als ich während meines Studiums in den USA lebte, beschloss ich eher zufällig, Japanischunterricht zu nehmen, obwohl ich mich nicht für japanische Manga oder Anime interessierte. Ich arbeitete Teilzeit in einer Bibliothek und eines Tages fand ich die Abteilung mit den Büchern über japanische Architektur und Ästhetik. Es ist alles so anders und einzigartig im Vergleich zur westlichen visuellen Kultur, wenn man beachtet wie die Philosophie sich mit der Natur verbindet. Es machte nur Sinn, dass ich nach Japan kam, um das Gelesene aus erster Hand zu erfahren.

Du lebst jetzt schon eine ganze Weile in Tokio, und bei dem schnellen Tempo, in dem sich die Stadt wandelt, musst Du viele Orte und Viertel gesehen haben, die sich verändert haben. Hast Du das Gefühl, dass über die Jahre, die Du nun schon hier bist, Tokio sich stetig weiterentwickelt oder seine Design-DNA beibehalten hat?

Tokio entwickelt sich definitiv weiter. Lange bevor ich nach Tokio zog, lebte ich für ein paar Monate in Kyoto. Dann verließ ich Japan und kam zurück, um Architektur in der Tokioter Gegend zu studieren. Tokio ist das Gegenteil von Kyoto. Wenn Kyoto die lange Geschichte von Japan repräsentiert, repräsentiert Tokio das Hier und Jetzt. Während des Studiums arbeitete ich eine Zeit lang ehrenamtlich und versuchte, historische öffentliche Badehäuser in Tokio zu erhalten. Das war ein großer Misserfolg, denn egal, wie sehr wir uns bemühten, diese wunderschönen Gebäude, die nur von Palasthandwerkern gebaut werden können, wurden immer wieder abgerissen. Und da hat ein Freund von mir etwas gesagt: Tokio ist eine Stadt, die immer in der Gegenwart existiert. Es ist eine praktische Stadt. Kyoto ist die symbolische Hauptstadt, das historische Herz von Japan. Tokio existiert hingegen in zwei Zeitformen, der Gegenwart und der Zukunft. Die Stadt entwickelt sich ständig weiter und verändert sich.

 

Hast Du ein Lieblingsgebäude in Tokio? Wenn ja, welches ist es und was macht dieses spezielle Gebäude so einzigartig?

Yanagisawa Takahiko’s Museum für zeitgenössische Kunst und die Tokioter Oper. Beide Gebäude breiten sich horizontal und vertikal auf eine Art und Weise aus, die sowohl spielerisch als auch meditativ sind. Es gibt immer ein „Wow“-Element. Er nutzt die Leere auf eine Weise, wie es viele Architekten nicht können.

Und wenn ihr euch wirklich für Architektur interessiert, solltet ihr versuchen, euch in den Nakagin Capsule Tower zu schleichen. Es ist ein so schönes Gebäude, welches heruntergekommen ist und auseinander fällt, aber was es für die Architektur und die Zukunft bedeutet, ist immer noch relevant. Ich glaube, ich werde an dem Tag weinen, an dem es abgerissen wird.

Warum hast Du das Gefühl, dass sich so viele Architekturliebhaber hier wohl und heimisch fühlen, gibt es irgendetwas, das Tokio so einzigartig und anders als andere Städte macht?

Japan hat eine visuelle Kultur, die zu einem gewissen Maß zum Experimentieren ermutigt. In einer Kultur, in der es so sehr darum geht, sich anzupassen, kann man, wenn es um Stil, Mode und Design geht, sich immer willkommen fühlen, sich abzuheben. Seit japanische Architektur nie dazu gedacht war, dauerhaft zu sein, und es keine Sentimentalität für alte Dinge gibt, welche keinen Zweck mehr erfüllen, drängt dies zu Experimenten und zur Weiterentwicklung. Daher gibt es eine lebendige architektonische Kultur, in der neues Design immer geschätzt wird.

 

Welche Faktoren außer der Architektur haben Dich dazu bewogen, nach Japan zu ziehen?

Ursprünglich bin ich nach Japan gekommen, um mich ein wenig von meiner eigenen Existenz zu lösen, ein wenig auszubrechen. Die Lebens- und Denkweise in Japan unterscheidet sich so sehr von der westlichen, dass man gezwungen ist, sich selbst einen Spiegel vorzuhalten und zu überlegen, was ist meine eigene Identität? Was sind meine Grundwerte? Ich habe so viel über mich gelernt hier in Japan.

 

Wenn man in einer neuen Stadt ankommt, ist es nicht ungewöhnlich, dass man anhand der Architektur/Gebäude Rückschlüsse auf die lokale Gesellschaft zieht. Was hast Du über die Japaner schlussgefolgert, als Du das erste Mal hier warst?

Als ich das erste Mal nach Tokio kam, dachte ich, dass die Stadt sehr unnahbar ist. Man kann nicht in Bars oder Restaurants hineinsehen, Galerien sind versteckt und die Japaner können anfangs etwas verschlossen sein. Aber wenn man einmal den Weg hinein gefunden hat, ist diese Stadt der erstaunlichste Ort. Ich habe hier so viele verrückte, skurrile und intensive Erfahrungen gemacht. Ich habe die interessantesten und kreativsten Menschen überhaupt getroffen. Wenn ihr euch die Mühe macht, euren Weg nach Tokio zu finden, wird es euch immer wieder mit erstaunlichen Erfahrungen belohnen. Außerdem ist Tokio eine elektrisierende Stadt. Tagsüber ist Tokio sehr geschäftsmäßig, aber wenn es in den Nachtmodus schaltet und das Neon anspringt, verwandelt sich die ganze Stadt in diesen Spielplatz. Die Menschen in Tokio sind da gleich, nach dem Motto „work hard, play hard“.

Wenn Tokio eine Person wäre, wie würde er/sie sein?

Tokio ist eine Frau, die cool, urban, stylisch und nerdig ist, auf eine Art und Weise, die man nicht erwarten würde. Insgeheim ist sie unkompliziert, hat eine sexy Attitude und ist definitiv schwer zu erreichen.

 

Als Tokio-Experte und Liebhaber des guten Geschmacks und des Essens, könntest Du uns bitte eine Top-3-Liste Deiner Lieblingsrestaurants und Lieblingsorte für Design und Inspiration geben?

Lieblingsrestaurants: Wenn ich esse, liebe ich, um ehrlich zu sein, ein schlichtes Izakaya. Bestes Yakiniku: Sumiyoshi Horumon (Holzkohlegrill an jedem Tisch, 24 Stunden geöffnet). Bestes Karaage: Ich gehe ins Chiba Chan, seit ich im College war. Es hat die beste Karaage-Sauce. Bestes Ramen: Ramen Takahashi, einfach, schnörkellos und doch exquisit. Bestes gegrilltes Fischmittagessen: Sanshuya, vor dem Lockdown versuchte ich, einmal pro Woche hierher zu gehen.

Design und Inspiration: Östliches Tokio. Wenn ihr die Seele von Tokio spüren wollt, geht nach Osten. Spaziert von Kanda zu Bakuro Cho nach Asakusa, geht zum Sky Tree und wenn ihr Zeit habt, lauft Richtung Norden nach Mukojima. Dies war die traditionelle Handwerkerstadt. Ihr werdet durch Viertel mit Geschäften gehen, die seit der Edo-Zeit Bürsten, Leder, Kleidung usw. herstellen. Schaut Euch die älteren Gebäude an, wie sie ein gewisses Gleichgewicht von Eleganz und Funktionalität erzeugen. Schaut Euch ihre Keramiken an und deren Liebe zum Detail, mit der sie hergestellt werden.

 

Was bedeuten Mode und Funktionalität für Dich? Was sind Deine Erwartungen an Kleidung und Design? Haben sich Deine Entscheidungskriterien beim Modekauf verändert, seit Du als Architekt arbeitest?

Japan ist eine sehr visuelle Kultur. Vieles ist darin kodiert, wie man sich präsentiert. Die Leute schließen von deiner Kleidung auf deine Werte und deine Stammeszugehörigkeit. Als Architekt habe ich nicht viel Zeit, mir über meine Garderobe Gedanken zu machen. Deshalb, nehme ich mir viel Zeit und Mühe bei der Auswahl der Kleidungsstücke, die ich besitze. Ich suche nach Stücken, die bequem, praktisch und stilvoll sind. Ich suche nach Dingen, die bequem genug sind, um 16 Stunden darin zu arbeiten, haltbar genug, um sie bei einem Besuch auf dem Baugelände zu tragen und stilvoll genug, um einen Kunden zu beeindrucken. Genauso wie ich die Architektur als Teil der Geschichte des Ortes betrachte, den sie bewohnt, denke ich, dass man Kleidung wählen sollte, die die eigene Geschichte sinnvoll ehrt.

Siehst Du Parallelen in Deinem Modegeschmack und Deinen bevorzugten Architekturstilen?

Ich habe ursprünglich Kunst vor Architektur studiert. Ich glaube, bevor ich Architekt wurde, mochte ich frivole, laute Kleidung, helle Farben, grafische und mutige Aussagen. Aber nachdem ich Architekt geworden bin, denke ich, dass sich mein Stil mehr in Richtung Funktion gewandt hat. Ich suche nach interessanten Formen und Volumen, Materialien, nach etwas Unerwartetem. Ich schätze es auch, wenn man die Liebe zum Detail des Designers spürt. Ich habe eine Schwäche für ein Designelement, von dem man vorher gar nicht wusste, dass man es braucht.

Ich habe ebenfalls begonnen auf Marken zu achten, die einen zukunftsorientierten Ansatz zur Klimakrise und dessen Rolle der Mode dabei haben.

 

Was sind Deine Pläne für die Zukunft? Was steht als nächstes für Dich an, Gordon?

Ich denke, meine zukünftigen Ziele sind, meine Arbeit zu diversifizieren. Mehr Zeit mit dem Schreiben zu verbringen, Kunst und auch Architektur zu kreieren. In letzter Zeit interessiere ich mich auch sehr für Möbeldesign.

 

-Vielen Dank für Deine Zeit!